Ein narratives Interview offen anregen und auswerten
Biografische Erfahrungen in ihrer eigenen Struktur erfassen
Das narrative Interview lädt eine Person dazu ein, zusammenhängend von einem erlebten Prozess zu erzählen. Der Ablauf schützt zunächst die selbstständige Haupterzählung und öffnet erst danach Raum für Nachfragen. Es wurde in der deutschsprachigen Sozialforschung besonders durch Fritz Schütze geprägt. Die interviewende Person hält sich während der Haupterzählung zurück und fragt erst danach vertiefend nach. Der Ansatz eignet sich für biografische Verläufe und Prozessgeschichten, nicht für jede eng umrissene Faktenfrage.
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Interview: Leitfaden, Einwilligung und Transkript
Drei Blätter für die Erhebung: der Leitfaden mit Themenblöcken und Nachfragen, die Einwilligungserklärung zum Unterschreiben und der Transkriptkopf samt Transkriptionsregeln. Alles, was vor dem ersten Interview auf dem Tisch liegen muss. Keine Anmeldung.
Der Begriff und sein Erkenntnisziel
Kennzeichnend ist ein breiter Erzählstimulus, der eine selbstläufige Haupterzählung ermöglicht. Die Reihenfolge und Gewichtung der Ereignisse werden zunächst von der befragten Person bestimmt. Anschließend folgen immanente Nachfragen zu bereits erwähnten Punkten und gegebenenfalls exmanente Fragen aus dem Forschungsinteresse. Ein narratives Interview ist damit nicht unvorbereitet, sondern anders strukturiert als ein gewöhnliches Leitfadeninterview.
Die Vorbereitung und klare Abgrenzung
Bestimme, welcher erlebte Verlauf erzählt werden soll und ob die Zielgruppe darüber tatsächlich aus eigener Erfahrung berichten kann. Formuliere einen verständlichen Stimulus ohne mehrere Unterfragen. Plane aufmerksamkeitszeigende, aber nicht lenkende Reaktionen während der Erzählung. Notiere mögliche Nachfragen, ohne sie vorzeitig einzusetzen. Ein Pretest zeigt, ob die Aufforderung eine Geschichte oder nur eine knappe Stellungnahme auslöst.

Das Vorgehen Schritt für Schritt erklärt
- erlebten Prozess und passende Zielgruppe auswählen
- offenen Erzählstimulus formulieren und testen
- Haupterzählung möglichst nicht unterbrechen
- an bereits erwähnte Punkte immanent anknüpfen
- exmanente Forschungsfragen erst anschließend stellen
Halte methodische Festlegungen, Modifikationen und begründete Sonderfälle in einem Protokoll fest. So lässt sich die Methodensektion später anhand der tatsächlichen Arbeitsschritte ausarbeiten, statt sich auf Erinnerungen zu stützen.
Durchgehendes Beispiel
Im Beispiel geht es um den Übergang vom Studium in die erste Führungsrolle. Der sinngemäße Stimulus lautet: Bitte erzählen Sie, wie es von Ihrem Studienabschluss bis zu Ihrer heutigen Position gekommen ist. Die befragte Person setzt Anfangs- und Wendepunkte selbst. Nach der Haupterzählung greift die Interviewerin erwähnte Entscheidungen, Konflikte und Unterstützungen auf. Erst danach stellt sie noch offene Fragen zur Organisation.
Häufige Fehler vermeiden
- Impuls mit zahlreichen Unterfragen überladen
- Pausen sofort mit Folgefragen füllen
- die Haupterzählung durch wertende Äußerungen lenken
- die Erzählreihenfolge bei der Analyse für eine objektive Chronologie halten
Dokumentiere den genauen Wortlaut des Stimulus, die Gesprächsphasen, die Art der Nachfragen und die Transkriptionsregeln. Die Analyse muss berücksichtigen, wie eine Erfahrung erzählt wird, und nicht nur, was behauptet wird. Abhängig vom Forschungsansatz können fallrekonstruktive oder inhaltsanalytische Verfahren folgen. Begründe diese Wahl, statt ein narratives Erhebungsformat automatisch mit einer bestimmten Auswertung gleichzusetzen.

Wie die Dokumentation ins Methodik- oder Hauptkapitel passt
Das Verfahren Narratives Interview sollte in der fertigen Arbeit nicht nur als Methodenname oder Überschrift auftauchen. Erkläre zuerst, weshalb das Vorgehen zur Forschungsfrage passt, welches Material einbezogen wird und nach welchen Regeln du Entscheidungen triffst. Danach beschreibst du die tatsächliche Durchführung in der Reihenfolge, in der sie für das Verständnis nötig ist. Abweichungen vom ursprünglichen Plan gehören ebenfalls in die Dokumentation, besonders wenn sie Auswahl oder Ergebnis beeinflussen können.
Unterscheide klar zwischen Verfahrensdarlegung, Befunden und Diskussion. Die Verfahrensdarlegung erläutert, wie du beim narrativen Interview vorgegangen bist. Der Ergebnisteil präsentiert die Befunde. Die Diskussion ordnet ihre Bedeutung, Alternativen und Grenzen ein. Diese Gliederung verhindert, dass nachträgliche Deutungen wie vorher festgelegte Regeln wirken. Tabellen, Protokolle oder Anhänge können Details enthalten, müssen aber im Fließtext eingeführt und an der passenden Stelle ausgewertet werden.
Letzte Prüffragen vor der Abgabe
Kontrolliere die Seite oder das Kapitel nicht nur sprachlich, sondern als prüfbaren Arbeitsweg. Die folgenden Fragen übersetzen die zentralen Schritte des narrativen Interviews in einen Abgabecheck:
- Erklärt der Text den Schritt „erlebten Prozess und passende Zielgruppe bestimmen“ so, dass eine fachkundige Person die Entscheidung nachvollziehen kann?
- Erklärt der Text den Vorgang „offenen Erzählstimulus formulieren und testen“ so, dass eine fachkundige Person ihn verstehen kann?
- Wird der Aspekt „Haupterzählung möglichst nicht unterbrechen“ so erklärt, dass eine fachkundige Person ihn verstehen kann?
- Wird erklärt, worauf es beim „immanent an erwähnte Punkte anknüpfen“ ankommt, sodass eine fachkundige Person es verstehen kann?
- Erklärt die Darstellung des Schritts „exmanente Forschungsfragen erst anschließend stellen“ die zugrunde liegende Überlegung so, dass eine kompetente Person sie verstehen kann?
- Dokumentierst du ausreichend, wie du „Stimulus mit vielen Teilfragen überladen“ vermeidest?
- Zeigt deine Notiz, wie du „Pausen sofort mit neuen Fragen füllen“ vermeidest?
- Legst du dar, wie du „die Haupterzählung durch Bewertungen steuern“ vermeidest?
- Belegst du schriftlich, wie du „Erzählreihenfolge bei der Analyse als objektive Chronologie behandeln“ vermeidest?
Kannst du eine Prüffrage nicht mit einer konkreten Passage belegen, fehlt oft die nötige Begründung oder Quelle. Füge diese Details direkt an der Stelle ein, an der sie relevant sind. Ein nachträglicher Hinweis im Fazit gleicht methodische Lücken nicht aus.
Quellen und passende Vertiefungen
Eine fachliche Einführung bietet die SSOAR-Publikation zum narrativen Interview von Gabriele Rosenthal und weiteren Verfassenden (2002, Dokument 5767).
Passende Ratgeber: Interviewformen, problemzentriertes Interview, Transkriptionsregeln, qualitative Auswertung.